Jena: Lichtstadt zerfeiern!

Wem gehört die Stadt? Denjenigen, die es sich leisten können … oder etwa allen? Vielleicht lohnt es sich, diese Frage öfter zu stellen….
Jena ist eine ostdeutsche Stadt ganz besonderer Art. Gekennzeichnet durch einen überdimensionalen Parkplatz als „Stadtzentrum“, allgegenwärtigen Beton und die Abwesenheit öffentlicher Räume, die zum Verweilen einladen. Stattdessen der Traum moderner Stadtentwickler_Innen: schicke Glasfassaden, moderne Appartementwohnblocks im Innenstadtbereich, Café-Ketten, bestens ergänzt durch Parkhäuser. Die Message ist klar: wer leben will, muss kaufen. Und wer nicht kaufen kann, muss draußen bleiben.

Unterdessen hat die Wohnungsnot in Jena drastische Ausmaße angenommen. Preisgünstige Wohnräume sind eine vom Aussterben bedrohte Spezies – fragt die Studierenden vom Zeltplatz oder die Armada von Rentner_Innen, welche die explodierenden Mieten durch nächtliches Flaschensammeln auf der Kneipenmeile gegenfinanzieren müssen. Alte Wohnungen werden saniert – und an Besserverdienende weitergegeben. Neue Häuser werden gebaut – sie enthalten teure Eigentumswohnungen. Hingegen machten mehrere bei alternativen Menschen beliebte Wohnhäuser in letzter Zeit Bekanntschaft mit dem Abrissbagger.

Die öffentlich zu hörenden Stimmen präsentieren Jena als sauberen, modernen Stadtentwurf, den „Leuchtturm des Ostens“. Gesäubert von Menschen, welche nicht willig oder nicht in der Lage sind, sich dem Massenkonsum und der Logik der Verwertung anzuschließen.

Am Abend des 5. Februars (ein Freitag) waren in Jena auch andere Stimmen zu hören – diejenigen, welche die Stadt nicht den Investor_Innen, den Kaufwütigen und den Verfechter_Innen einer kalten, betonierten Welt überlassen wollen. Diejenigen, welche Raum für sich und ihre Träume einfordern. Auf diese Weise „besetzten“ einige Leute für mehrere Stunden die im Zentrum gelegene Sparkassenfiliale als Austragungsort ihres Maskenballs. Für angemessene Beschallung sorgte DJ Kassettenrekorder (an der Beleuchtungsanlage dagegen sollte beim nächsten Mal noch gearbeitet werden). An die gelegentlich vorbeikommenden Passant_Innen wurden Flyer verteilt, deren Text wir euch nicht vorenthalten wollen:

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Herzlich Willkommen im lebendigen Raum.

Wir verzaubern heute die Nacht mit Fantasie und guter Musik zu einem utopischen Raum.
Ein Utopos ist ein Raum, den es nicht gibt. Das bedeutet nicht, dass es ihn nie geben wird.
In Jena gibt es sogar einige davon, jedoch müssen sie fliehen.
Sie werden verjagt von schicken Wohnhäusern, Parkplätzen oder Konsumtempeln.

Es sind lebendige Räume, die zum Verweilen einladen ohne Konsum zu erzwingen.
Es sind kulturelle Räume, in denen ihre eigene, für die Stadt unrentable Kultur geboren wird und gedeiht.
Es sind soziale Räume, die Menschen zusammenbringen anstatt sie ins Private zu verbannen.
Diese Räume finden immer ein neues zu Hause. An sauberen Wänden als „Streetart“, als versteckte und offene Ideen.

Heute ist dieses Zuhause hier.
Wo uns der öffentliche Raum genommen wird und sich das Stadtbild den wirtschaftlichen Interessen der Regierenden anpasst, nehmen wir uns das, was uns zusteht.
Das ist keine Zauberei und man muss auch nicht zaubern können, um das zu tun.

Wir wollen zeigen, dass es uns gibt. Dass diese Stadt von Menschen belebt wird, nicht von Beton, Fassaden und Latte Macchiato.
Ihr seid eingeladen, den hier gegebenen realen Raum zu gestalten!

Die Städte denen, die drin leben!

W.Iralle

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Die Reaktionen reichten von Interesse über Begeisterung bis hin zu Verwirrung. Die grüne Partymannschaft ließ sich während des gesamten Abends nicht blicken, was vielleicht an der fehlenden Einladung gelegen haben könnte. Zwei Erkenntnisse bleiben als Resultat des Abends: den Anwesenden ist es gelungen, den grauen Stadtalltag kurzzeitig, wenn auch nur auf wenigen Quadratmetern, auf den Kopf zu stellen. Und: es war definitiv nicht die letzte Party auf öffentlichem Raum in der Innenstadt. In diesem Sinne… stay tuned.